Klassische Reisen - hier Rügenbuch 
Reprint von 1953 (Auszug)
Rügenbuch

Mit Donnergetöse poltert der D-Zug über das stählerne Brückenwerk des Rügendammes hinweg. Gleich werden wir Altefähr passieren, den ersten Bahnhof jenseits des Festlandes, den ersten Bahnhof auf der Insel.
Lächeln muß ich, wenn ich mich daran erinnere, was ich mir unter der Insel Rügen' vorstellte, als ich zum ersten Male hierher kam. Das war vor beinahe 25 Jahren. Damals schwamm unser Eisenbahnzug auf einem Fährschiff über das weite blaue, im Sonnenglanz schimmernde Wasser, - ein unsagbar schönes Erlebnis, d a s Erlebnis für einen kleinen Kerl, der seine erste Ferienreise macht. Die Wagen unseres Zuges wurden auf den Dampfer geschoben, und endlich hörte das Stillsitzen auf dem harten, von dicken Damen eingeengten Bankplatz auf. Das So war Freiheit, die Nacht der stundenlangen Bahnfahrt war zu Ende. Im Morgenlicht des Sommertages lag der Hafen: Masten, Rauch und kühler Seewind. Drüben, am anderen Ufer, war es mit meiner Ruhe aus. Diesem ersten Erlebnis mußte ja, vielleicht schon in wenigen Minuten, die Entdeckung des noch nie gesehenen ganz großen Meeres folgen, - denn Rügen war doch eine Insel!

So klein, wie ich es mir mit sechs Jahren vorgestellt hatte, ist unser Rügen nicht: kein Eiland, sondern an Fläche umfangreicher als der Raum von Groß-Berlin. Wo sollte auch sonst eine Inselbevölkerung Platz haben, die gut und gern die Einwohnerzahl einer Großstadt ausmachen könnte.
Rügen ist mit seiner Fläche von 968 Quadratkilometern keine kompakte Masse, sondern ein unregelmäßiges Gebilde aus verschiedengestaltigen Inselkernen, die untereinander durch Nehrungen verbunden, von Buchten und Meerengen begrenzt und von Seen durchbrochen werden. Rügens Küsten sind nicht weniger als 573 km lang; das entspricht einer Strecke vom Rhein bei Köln bis zur Oder bei Küstrin.
Die Bodden, jene mit dem Meere verbundenen fischreichen Binnenwasser, schaffen die charakterliche zerlappte Gestalt der Insel. Sie stimmen den ewigen Dreiklang an aus dem Blau des Himmels, aus der Farbe des allgegenwärtigen Wassers und aus dem Bunt der Küstenkanten, sie machen Rügens Landschaftsbild so verwirrend und so schön.

Die Ostsee ist die Seele der Insel.

Die ausgeprägte Gliederung der Landschaft verursachte bis in die neueste Zeit hinein große Unterschiede in der Bevölkerung unserer Heimat: Sitten, Gebräuche und auch die Aussprache des Plattdeutschen wichen oft erheblich voneinander ab; auf allen Gebieten verlief die Entwicklung recht verschieden. So konnte es geschehen, daß die Mönchguter jahrhundertlang ein abgeschlossenes Dasein führten und sich entsprechend ihrer Arbeitsweise die alten Bräuche und Trachten erhielten, bis in unsere Zeit, die sich mit Hilfe der Technik den Zugang zur Halbinsel erzwang. Vorher hatten die Mönchguter mit dem eigentlichen Rügen kaum Verbindung gehalten und statt dessen den Bug ihrer Boote nach Stralsund und Greifswald gewandt. 
Ebenso war es auf Ummanz, der stralsundischen Insel am Westufer Rügens, und auch auf Hiddensee, das ja eigentlich ein Teil Rügens ist. Auch die Bewohner der Halbinsel Wittow sagen noch heute, wenn sie mit dem Kleinbahn-Trajekt über den Boddenstrom fahren: Nu geiht dat na Rügen, als wäre Wittow eine Insel für sich.
Solche besonderen landschaftlichen Verhältnisse sind im Leben des Alltags alles andere als romantisch! Wir denken uns Rügen als Ostsee-Insel-Großstadt; in ihr gibt es aber noch" Stadtviertel", wo elektrisches Licht unbekannt ist. Die ärztliche Betreuung und auch die kulturelle Arbeit mit der Bevölkerung wird in den entfernt gelegenen Ortschaften mitunter mühevoll, zumal die Straßen sich stellenweise noch recht wenig von den mittelalterlichen Landwegen unterscheiden. Es gibt auf Rügen rund 250 Einzelsiedlungen, Bahnwärterhäuser, Leuchttürme, Mühlen, Forsthäuser, aber auch einsame Schulen, und die Entfernung solcher Ansiedlungen vom nächsten Dorf ist oft groß. Auch förderte diese Abgeschiedenheit ganzer Halbinseln manche Schildbürgereien, die zwar originell, aber durchaus nicht bewundernswert sind und nichts mit der gesunden, urwüchsigen Eigenart echter Inseloriginale gemein haben.
In einem Land, auf dessen Hünengräbern nachts bei Neumond die Katzen Karten spielen, ist vieles möglich und erklärlich, vieles auch verzeihlich. Mich interessiert dabei nur, ob die spielwütigen Hünengrabkatzen einen handfesten Skat dreschen mögen, oder ob sie sich mit Doppelkopf begnügen. Leider war, als ich das einmal feststellen wollte, gerade kein Neumond ...

Einen entscheidenden Wandel erfuhr das unterschiedliche Gefüge der rügenschen Bevölkerung durch den Zustrom in den Jahren 1944 bis 1946, wobei sich die Einwohnerzahl der Insel verdoppelte. Vielen abgeschiedenen Orten tat der Zufluß neuen Blutes not; er wirkte ausgleichend und anpassend, lockerte erstarrte, überspitzte lokale Gegensätze auf und schliff sie allmählich ab.
Ob Wittower, Jasmunder, Mönchguter, Ummanzer, Zudarer oder Rüganer von Putbus, Garz und Bergen: alle diese 89 000 Menschen umschließt das Band der blauen See, die das komplizierte Gebilde ,Rügen erst zu einer Einheit macht, so daß die Insel ganz ausgeprägte und gegenüber dem Festland unterschiedliche Züge trägt, die teilweise geschichtlich begründet sind.
Als sich um die Wende des ersten Jahrtausends das Christentum über den Ostseeraum ausbreitete, Pommern, Mecklenburger, Dänen, Schweden und Polen längst christlich geworden waren, verteidigten die damaligen Bewohner unserer Insel ihren alten Glauben mit einem bewundernswerten Fanatismus und einer erstaunlichen Zähigkeit. Niemals war Rügens insularer Charakter auch geistig so ausgeprägt wie damals und - im Jahre 1920!
Als in den Tagen des Kapp-Putsches die Reichsregierung zum Generalstreik aufrief und überall in Deutschland die Eisenbahner und Postler ihre Arbeit niederlegten, fragte man sich auf Rügen achselzuckend: Wat sall dat?' Was kümmert uns das Festland?'
Und nach wie vor rollten die Züge fahrplanmäßig über die Insel, von Saßnitz bis zum Sund. Weiter ging es nicht, weil sich auch die Trajektbesatzungen dem Generalstreik angeschlossen hatten. Rügens Briefträger hingen sich mit Schwung ihre leeren Taschen um und trugen das Bündelchen lokaler Post aus, ganz wie früher, von Arkona bis zum Palmer Ort.

So geschehen noch in unseren Tagen !

Der alte Wendengott Swantevit, dessen Standbild auf Arkona ragte, besaß vier Gesichter; viergestaltig ist auch das heutige Antlitz seiner Insel.
Entlang der Küste liegen Rügens Ostseebäder, acht an der Zahl: Thiessow, Göhren, Baabe, Sellin und Binz bilden die Gruppe auf der Südhälfte der Insel, Lohme, Breege Juliusruh und Dranske sind die Bäder im Norden. Sie haben alle etwas Verwandtes, eine gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung im selben Zeitraum und in der gleichen räumlichen und geistigen Richtung.
Nach 1871 entstanden in diesen Orten die großen Hotels und Fremdenheime; damit wurde der Schritt vom Fischerdorf zum Badeort getan. Butenlandsche wanderten zu, wodurch sich die Einwohnerzahlen der Küstenorte verzehnfachten. Häuser schossen aus der Erde; größtenteils waren es Bauten, die gar nicht zur Landschaft der Insel paßten. Straßen, Eisenbahnen, Häfen und Seebrücken wurden erbaut, Licht-, Wasser- und Kanalisationsleitungen gelegt, Kursäle, Kinos, Warmbäder und Tennisplätze errichtet. Dadurch glich das äußere Bild dieser früheren Fischerdörfer weit eher dem einer Stadt auf dem Festland, als etwa einer der Inselstädte Garz oder Bergen, wo man teilweise noch heute den guten alten Brauch übt, die Abwässer einfach auf die Straße zu gießen, wo die Hausfrauen ganzer Viertel gezwungen sind, sich ihr Wasser eimerweise aus dem städtischen Brunnen zu holen. Der herrliche Wald der Küstengebiete wich den Villenbauten, sein Saum wurde von Schuttabladeplätzen verschandelt. Am Strande machten Netze und Teerkessel den Badeanstalten und Liegekörben Platz. So manches Fischerboot verfaulte am Ufer, weil sein Besitzer dem alten Handwerk untreu geworden war.
Allsommerlich strömten fortan Zehntausende von Erholungssuchenden in die Rügenbäder; bereits um die Jahrhundertwende waren es fast 50 000!
Ein Höchststand wurde 1913 mit rund 90 000 Kurgästen erreicht. Heute dürften, da Rügen wie noch nie zuvor der Jugend durch Kinderheime, Wanderherbergen und Ferienlager erschlossen wurde, jährlich mehr als 100 000 Besucher im Sommer auf die Insel kommen, von denen etwa zwei Drittel Kurgäste der Badeorte sind.
All das bunte Leben und Treiben beschränkte sich aber früher auf wenige Sommerwochen, in denen es die Rügenbäder an Komfort mit mancher Großstadt aufnehmen konnten. Bereits im September lagen jedoch diese selben Orte wieder wie ausgestorben da. Bald deckte das Herbstlaub seinen Mantel über die Spuren der Badegäste am Wege, über zerbrochene Thermosflaschen, weggeworfene Sardinendosen, Keks- und Zigarettenschachteln und über vergilbte Zeitungen.
Erst wenn die Buchenwälder wieder junges Grün entrollten, begannen die Arbeiter der Kurverwaltungen, die winterlichen Frost und Sturmflutschäden an Promenaden, Seebrücken, an Hochufer und Wegen auszubessern. Zu Pfingsten wurden die Strandkörbe aus dem Schuppen geholt und gelüftet. Die Saison konnte von neuem beginnen! In längst vergangenen Jahren putzten nun auch die jungen Fischer und manchmal sogar der Amtsvorsteher ihre Kicker, um die ersten badebehosten Maikatzen am Strande besser beobachten zu können.
Der zunehmende Bombenterror der letzten Kriegsjahre brachte leidvolles Leben auch in die Winterstarre und Winterruhe der Rügenbäder. Menschen, die Haus und Habe verloren hatten, suchten eine Unterkunft. Ganze Schulen rückten mit allem Mobiliar an, mit Globussen, Elektrisiermaschinen, mit Knochengerüsten und Korbflaschen voll Säure.

Dieser ersten Welle der Not folgte nach Kriegsende eine zweite, stärkere: die der umgesiedelten Neubürger. Die örtlichen Schwierigkeiten wuchsen bedrohlich an. Die wenigen freien Wohnräume waren nicht winterfest; Seuchen flackerten auf. Es fehlte an Verkehrsmitteln, an Schulen, Krankenhäusern, Altersheimen, - sogar die Friedhöfe wurden zu klein. Größter Mangel herrschte an Arbeitsmöglichkeiten. überall hatte auch auf Rügen der Hitlerkrieg seine Spuren hinterlassen.
Mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsmacht konnten die ersten Schritte auf dem mühseligen Wege aus diesem Chaos getan werden, zumal sich Frauen und Männer gefunden hatten, die nicht nur jammerten und stöhnten oder argwöhnisch abwarteten, sondern anpackten und mithalfen.
Den unbekannten Frauen, die als erste Helferinnen in die Typhusmassenquartiere gingen, die sich um den Unterricht der Flüchtlingskinder kümmerten, allen Frauen und Mädchen, die im Schneesturm der eisigen Wintertage die Straßen zur Kreisstadt freischippten, - ebenso den Männern, die die erkälteten Kessel der rügenschen Kleinbahnlokomotiven mit Holzfeuern wieder unter Dampf setzten, Autowracks zu Omnibussen zusammenbauten, Telefonleitungen wiederherstellten und sich, von allen Seiten angefeindet, in der Verwaltung für eine sinnvolle gerechte Wohnraumverteilung einsetzten, war es allein zu verdanken, daß der Wille zum neuen Aufbau gestärkt wurde und bereits 1946 einige Rügenbäder wieder Kurgäste empfangen konnten.
Längst sind aber nicht alle Probleme gelöst; besonders die Wohnverhältnisse der Neubürger sind in Rügens Bädern teilweise schlechter als auf dem Festlande. Doch die geleistete Arbeit der letzten Jahre verheißt einen weiteren planvollen Aufbau unserer Badeorte.

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