ollicker Ort
Gleich hinter Sassenitz beginnt das Ufer kreidig zu werden und nimmt die wunderbarsten Gestalten an, je weiter man kommt. Die Kreidewände streben senkrecht empor aus einer schrägen, bald nackten, bald mit Gehölz bedeckten Lehne und werden, hier steigend, dort fallend, von schmalen Einschnitten und tiefen Klüften unterbrochen, welche gelben, mit Erdstreifen vermischten Ton enthalten. Der obere Rand ist mit stolzen Buchen eingefaßt, und die Schichtenrichtung des ganzen aufgeflözten Gebirgslagers läuft fast überall horizontal. Das Bergufer ist auf das mannigfaltigste gezuckt, geborsten und durchrissen, und die Imagination hat ein freies Spiel, sich diese Wundergestalten als Obelisken, Säulen, Türme, Tempel, Ruinen oder Festungsbasteien vorzustellen. Den mächtigsten dieser Flözrücken und Vorsprünge haben die Fischer eigene Namen gegeben So heißt der erste hinter Sassenitz der Hengst, dann folgt der Bläß [die Blase], der
Sattel, die Tribbe [Tipper Ort], die Collichow [Kollicker Ort usw. Dieser letztgenannte hat eine höchst kühne Lage, denn die Masse springt nicht aus einem Vorufer heraus, sondern ruht wie ein ungeheurer behauener Block unmittelbar auf dem Steinlager des Strandes. Nebenher rieselte das Bächlein Collichow (der Golchabach) durch Gebüsch zum Meer hinab, und hoch in den Lüften schwebte ein Adler über dem blendenden Klumpen. Man erzählte uns, daß einmal ein oben in der Stubnitz gejagter Hirsch durch einen Sprung von dieser Collichow den Jägern zu entkommen gesucht habe, und wir waren einig, daß diese Stelle auch der verzweifelnden Liebe zu einem »Salto mortale« zu empfehlen sei.