Schreibend suche ich mir einen Weg, der mich anderen nahe  bringt und zugleich erlaubt, daß ich bei mir bleibe. Ich schreib mir den Schreck von der Seele, noch immer: Über die ersten unwürdigen Zuhause, die Ausgesetztheit eines kindlichen Wesens in einer Zeit, da sich doch die Erwachsenen nicht helfen konnten. Die unablässigen Fragen nach dem Möglichen. Daß von der Liebe — sogar von ihr — so vieles ungelebt bleibt und daß es so schwierig ist, geliebt zu bleiben. Nachdenken und Mitfühlen ist nicht angeboren, es muß erworben und am Leben gehalten werden. Meine Gedichte sind Leben, gegen den Strich gebürstet. Ob ich darin gefalle, daran denke ich nicht. Ich mühe mich auch nicht, absonderlich zu wirken. Daß ich Gedichte meiner Art schreibe, hilft mir leben und hilft mir, das Nächste zu tun. Das eine kommt mehr und mehr aus dem andern. Mit meinen Gedichten habe ich ein Gespräch angefangen. Das kann ich nicht einfach abbrechen. So sag ich, was ich weiß: über die Kinder, meine Vorstellung vom Leben, meinen Geliebten, der mich unterliegen und auferstehn läßt, über meinen Einwand gegen Vorhandenes, Überkommenes und Entstehendes, meine Liebe zu dem Modell Wirklichkeit, für das ich mich entschieden habe. Ich bin darin streitbar, auch das ist zu bemerken, hoffe ich.
Wenn das Leben eine Art Reise ist, dann sind meine Gedichte Depeschen von unterwegs.
Nicht in aller Eile, aber in Dringlichkeit.

G. Steineckert

26.06.01

27.06.01

28.06.01


Ich habe Angst
daß ich mich an mich gewöhne
ein Gesicht mache wenn ich unter die Leute geh
das Messer anders halte
schriller werde in der Stimme wieder
bedeutend sein will
vergesse, wie es andern geht
die den Pfennig umdreh'n, keine Wohnung haben
nicht geliebt sind, um die sich niemand reißt
so ging es mir und sobald ich's vergesse
wird es mir wieder so gehen

G. Steineckert


Der Religionslehrer erzählt den Kindern von den Mönchen, die nicht heiraten dürfen und sich früher sogar selbst gegeißelt hätten. In der nächsten Stunde soll Fritzchen den Stoff wiederholen: »Mönche sind Menschen, die nicht heiraten. Sie schlagen sich selber! «

29.06.01

30.06.01

01.07.01

Wenn alle die Dinge
die wir besaßen und vergaßen
ein eigenes Leben hätten
wie wärn wir umgeben
wie wenig könnten wir
was wir gerade begehr'n
vor den Vergleichen retten
G. Steineckert


Drei Ehepaare stehen vor Petrus und möchten gern ins Paradies. Petrus betrachtet den Trupp eine Welle, holt tief Luft und legt los: ,Du«, herrscht er den ersten Gatten an, »hast dein Leben lang nur Geld im Kopf gehabt. Das ging sogar soweit, daß du eine Frau geheiratet hast, die Penny heißt. Verschwinde.« Den zweiten faucht er an: ”Du hast dein ganzes Leben versoffen. Alkohol lag dir so sehr am Herzen, daß du dir eine Frau mit dem Namen Sherry nahmst, raus hier.« Da meint der dritte Ehemann zu seiner Frau: »Hat wohl keinen Sinn, Vicky!”

 

 

02.07.01

03.07.01

04.07.01

Das Lied der Lieder ist
jenes von der Liebe
in dem auch die Wahrheit steht
die man morgen begreift
wenn, der es sang
schon gefallen ist
G. Steineckert


Der Luxusdampfer sinkt, alles stürmt zu den Rettungsbooten. Ein Mann will sich vordrängeln.
»Halt«, ruft da der Kapitän, »wir nehmen zuerst die Frauen.« Staunt der Mann: »Na, wenn dafür noch Zeit ist. «

 

 

QuellenG. Steineckert, "Mehr vom Leben", Verlag Neues Leben, 1983